Mosbacher Klassische Konzerte
300 Jahre Einsamkeit und doch ein Zwinkern im Knopfloch

Der Geiger und Bratschist Sergey Malov

Der Geiger und Bratschist Sergey Malov begeisterte gleich auf drei Instrumenten

Ein Solo-Abend mit drei verschiedenen Instrumenten – das ist tatsächlich sehr ungewöhnlich, aber auch solche besonderen Erfahrungen sind möglich bei den Mosbacher Klassischen Konzerten. Für ein faszinierendes Konzerterlebnis sorgte am Dienstagabend in der Mälzerei der in St. Petersburg geborene und heute in Berlin lebende Ausnahmemusiker Sergey Malov, der mit einem hinreißenden Vortrag auf drei unterschiedlichen Streichinstrumenten begeisterte. Violine und Viola kennt man, aber das dritte dieser Instrumente ist sogar unter historisch informierten Musikern eher ein Exot. Beim „Violoncello da spalla“ (ital. Schulter) handelt es sich um ein Miniaturcello mit fünf Saiten, das beim Spielen mit einem Schulterband quer vor der Brust gehalten wird. Die Spieltechnik ist ähnlich wie bei der Viola, obwohl das Instrument deutlich größer ist als diese und genauso tief klingt wie ein normales Cello.

Vielleicht ist es genau dieses Instrument, für das Johann Sebastian Bach seine Suiten für Violoncello solo schrieb, in seinem Nachlass fand sich jedenfalls ein fünfsaitiges „Violoncello piccolo“. Für Sergey Malov ist das „da spalla“ klar die beste Wahl für die Cellosuiten, er hat sie inzwischen alle sechs in sein Repertoire aufgenommen. Für ihn als Geiger und Bratscher ist die Spielhaltung eine ganz natürliche und bietet durch die fünfte Saite und die größere Freiheit der linken Hand wesentliche Vorteile gegenüber dem normalen, senkrecht zwischen den Knien gehaltenen Cello mit seiner langen Mensur. Zu Beginn dieses Programms erklang die Suite Nr. 2 in d-moll, bei der man dieses ungewöhnliche Instrument gleich einmal in Aktion erleben konnte. Und wie - ein weicher, überraschend tiefer Klang, weniger „bassig“, dafür viel intimer und geschmeidiger als beim modernen Cello, das meist mit viel mehr Kraft gespielt werden muss, um zu klingen. Federleicht, überaus elegant und organisch wirkte Sergey Malovs Spiel – ein hinreißender, inniger „pas de deux“ mit seinem Instrument, bei dem die ursprüngliche Konzeption der Suite als Folge von traditionellen Tanzformen wie Allemande, Courante, Sarabande, Menuett und Gigue in jedem Satz durchschimmerte.

Als zweites Werk hatte er die grandiose Sonate für Viola solo von György Ligeti (1923-2006) mitgebracht, gespielt auf der normalen Viola. Für die Zuhörer war es sehr hilfreich, dass ihnen der Solist vorab ein paar erklärende Sätze zu diesem Stück mitgab. Denn obwohl die Sonate zu den bedeutendsten Solowerken des 20. Jahrhunderts gehört, ist sie doch nicht leicht zu verstehen. Die sechs Sätze - alle recht kurz aber technisch von allerhöchstem Anspruch - sprühen vor musikalischen Einfällen: Ligeti experimentierte z.B. mit unterschiedlichen Temperierungen wie der Naturtonreihe und ihren für unsere Ohren ungewohnten Intervallen, unfassbar virtuosen Tonfolgen und ausgeprägter Mehrstimmigkeit, verdrehten Modulationen und schwermütigen Cantilenen, denen Sergey Malov mit seinem wandlungsfähigen Ton eine zutiefst menschliche Dimension und packende emotionale Ausdruckskraft verlieh. Bei der berühmten Partita d-moll für Violine solo von Bach, die nach der Pause als drittes Werk auf dem Programm stand, steht ebenfalls eine Chaconne am Ende, aber welch ein Kontrast zu dem wildem Tanz am Schluss der Ligeti- Sonate: „300 Jahre Einsamkeit“ stehe für ihn als Überschrift über diesem monumentalen Satz, mit dem Bach den Tod seiner ersten Frau verarbeitete, verriet Sergey Malov in seiner Moderation. Auch auf der Violine war sein Spiel von einer faszinierenden Innigkeit geprägt: Superzart, ernst und nachdenklich, dann wieder mit großer Energie und voller Leichtigkeit gespielt, präsentierte er eine der anrührendsten und bestdurchdachten Versionen von Bachs d-moll Partita, die man sich nur hätte wünschen können. Auch das Konzept, das Programm wie ein Gesprächskonzert anzulegen, ging auf. Am Ende kehrte er noch einmal zum humorvollen Plauderton des Anfangs zurück: Mit einem Zwinkern im Knopfloch zeigte er bei den beiden Zugabe den anwesenden Cellisten im Publikum, was mit seinem Bonsai-Cello möglich ist und verabschiedete sich nach der „Sarabande“ aus der Suite Nr. 4 gemütlich hinausschlendernd mit der nachfolgenden Bourree. Grandios – sicher wieder ein Abend, der bei den geneigten Zuhörern der Klassischen Konzerte noch lange nachwirken wird.

 

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